…und da hat’s Klick gemacht!

Jeden Tag dasselbe: Du machst Deinen Briefkasten auf, findest anderthalb Kilo Hochglanzprospekte, die ungelesen in die Tonne wandern. Die Nachbar kommt runter, entsorgt seine anderthalb Kilo Hochglanzprospekte und erwähnt beiläufig, er habe sich einen iMac gekauft. Plötzlich wirst Du wach: „Apple, ist das nicht eine Apotheke?“ „Jau. Aber die halten ihr Versprechen. Auspacken, anschließen und loslegen.“. Plötzlich kommst Du ans Nachdenken. Wär’ das nicht auch was für mich?

Was ist hier passiert? Etwas völlig alltägliches. Du hast Deinen persönlichen Spam-Filter aktiviert und hörst auf jemanden, den Du kennst. Das bedeutet nicht, dass Du am nächsten Tag zum Apple-Store rennst und Dir einen iMac kaufst. Aber die Chancen, dass Apple Dir einen iMac andrehen kann, sind enorm gestiegen.

Was lernen wir aus dieser alltäglichen Beobachtung? Mindestens zwei Dinge: Der Mensch filtert die alltägliche Flut von Produktinformationen radikal weg – er hört lieber auf seinen Nachbarn. Allgemeiner gesprochen: Menschen fühlen sich in sozialen Netzwerken besser aufgehoben, jedenfalls besser, als täglich einer anonymen Breitseite von redundanten Werbebotschaften ausgesetzt zu sein.

Hier kommt die so genannte Netzwerkanalyse ins Spiel. Sie kann herausfinden, wer in einem Netzwerk Meinungsführer ist – oder, fast noch wichtiger: der Mensch mit der kürzesten Verbindung zu verschiedenen Meinungsführern, nennen wir ihn den „information broker“. Unser Nachbar mit dem iMac braucht kein Meinungsführer zu sein. Er zeigt uns nur, wie wichtig soziale Netzwerke sind, ob real, in der Nachbarschaft, oder virtuell, im Internet.

Das Ganze kann und wird wohl dazu führen, dass unsere Briefkästen allmählich leerer werden, dass Tonnen von Hochglanzprospekten erst gar nicht produziert werden, was sich sicherlich positiv auf unsere CO2-Bilanz auswirken wird. Denn wer die Netzwerkanalyse beherrscht, wird zum so genannten Empfehlungsmarketing übergehen. Er versucht, Meinungsführer und information broker gezielt anzusprechen und Streuverluste zu vermeiden.

Ansätze dazu hat es schon immer gegeben. Prototypisch für das frühe Empfehlungsmarketing sind die Tupperware-Parties, die bis heute Erfolg haben, oder die legendäre Avon-Schönheitsberaterin, die stets aus der Nachbarschaft kommt. Oder Clementine, die liebenswerte Putze, die Ariel empfiehlt - sie spielte schon in den 70er Jahren in der TV-Werbung die gleiche Melodie. Oder der nette Herr Kaiser, der nicht nur liebenswerter Nachbar ist, sondern auch nebenbei Versicherungen verkauft. Das geht weiter mit den so genannten Testimonials: Bekannte Figuren aus Funk und Fernsehen geben angeblich ganz persönliche Bekenntnisse ab: „An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD“.

Insgeheim hat also die Werbebranche schon seit 30 Jahren versucht, uns Opinion Leaders, Meinungsführer unterzuschieben. Heute sind wir einen Schritt weiter. Wenn ich bei amazon.de das Buch „Widow for one Year“ von John Irving oder die neueste CD von Nigel Kennedy bestelle, bekommen ich ungefragt Hinweise darauf, dass Leute, die dies bestellt haben, auch noch dies und das und jenes gekauft haben. Der typisch amerikanische Versuch, aus jedem Bestellvorgang einen kleinen Opinion Leader zu kreieren.

Aber das alles bleibt amateurhaft, denn es hat mit realen Netzwerken nichts zu tun. Und die gibt es – sowohl im Bekanntenkreis als auch im Internet, z. B. in Blog-Communities. Die moderne Netzwerkanalyse untersucht genau solche realen Netzwerke. Sie kann opinion leaders und information brokers identifizieren, und zwar für beliebig große und komplexe Netzwerke. Nur noch eine Frage der Zeit, bis die armen Säue, die zu einer oder gar beiden Kategorien zählen, „penetriert“ werden, wie es in der Marketingsprache heißt.

Andererseits: Wenn dieses Empfehlungsmarketing der Zukunft Erfolg haben sollte, lässt sich der Gedanke ja weiterspinnen: Warum über diese Schiene nur Produkte verkaufen – es können ja auch Meinungen oder Ideologien sein! Und haben wir dafür nicht schon längst Beispiele, als jeder Hahn im Sinne der Bush-Regierung krähte, Saddam habe Massenvernichtungswaffen?

Weshalb ich meinen Beitrag mit „Klick“ überschrieben habe? Ich habe heute zwei Stunden mit GabiF über Netzwerke diskutiert – und dabei hat es „klick“ gemacht.

4 Antworten auf “…und da hat’s Klick gemacht!”

  1. g.frank sagt:

    Sage mir, wer Dein Nachbar ist …
    Ist es einer der Neistat- Brüder? Doch selbst, wenn es weder Casey noch Van ist, so könnte es einer der vielen anderen getreuen Macianer sein, die sich aus Überzeugung und Loyalität zur Marke immer wieder einen Mac kaufen, auch wenn er teuerer als andere Rechner ist. Ja, diesen Mac-Fans begegnet man überall. Sie zählen zu der loyalsten Kundschaft, die sich eine Marke wünschen kann. Als zufriedene Kunden geben sie ihre positiven Erfahrungen gerne weiter – ob in Hausfluren oder auf Parties -, sie preisen die Marke geradezu an, informieren dich über die neuesten Entwicklungen aus dem Haus Apple und - falls du dann doch Probleme haben solltest -, geben sie dir nicht nur wichtige Tipps und Ratschläge, sondern helfen dir auch gerne am Wochenende. So weit so gut. Durch die Kommunikation in den sozialen Netzwerken der euphorischen Apple-Kunden konnte so manch einer für die Mac-Welt gewonnen. Und was Mund zu Mund funktionierte, ging E-Mail zu E-Mail noch besser, noch schneller. Doch erinnern wir uns an das Jahr 2003. Casey und Van Neistat waren begeisterte Besitzer eines iPods geworden, stellten dann aber fest, dass der interne Akku nach rund 18 Monaten seinen Geist aufgibt und wendeten sich (vertrauensvoll) an Apple. Die aber zeigten sich wenig kulant und boten den Austausch der Batterie zum Preis von 255 Dollar an, was fast derselbe Betrag war, der für einen neuen iPod bezahlt werden musste. Daraufhin zogen die beiden Brüder los, um in ihrer Heimatstadt jedes Werbeplakat von Apples MP3-Player mit der Botschaft zu übersprühen „iPods nicht auswechselbarer Akku hält nur 18 Monate“. Diese Sprühaktion und ein Video, das das Telefonat mit dem Apple-Support dokumentierte stellten sie unter www.iposdirtysecret.com online. Nach kurzer Zeit wurde die Website den Brüdern zufolge rund 50.000 mal am Tag abgerufen und innerhalb von 14 Tagen tauschte Apple den Akku nicht nur für 106 Dollar aus, sondern gab als Kundenservice auch drei Monate Garantie.

  2. rolf sagt:

    Hallo G.! Bei mir hat es sogar zwei mal Klick gemacht. Dank Deines Hinweises konnte ich bei wenkelblog.de/blog die ockerfarbenen Zahnräder durch den eingebläuten Reichstag ersetzen. Der Link www.iposdirtysecret.com ist übrigens kaputt.

  3. g.frank sagt:

    Studie analysiert Blogger
    Die „Blogstudie 2007“ wurde vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig (Prof. Dr. Ansgar Zerfaß, Janine Bogosyan) mit Unterstützung der Suchmaschine Ask.com als selbstselektive Online-Umfrage durchgeführt.Im Zeitraum vom 06. bis 30.12.2006 beteiligten sich insgesamt 605 Nutzer an der Umfrage. Demnach meinen gut die Hälfte der Blognutzer (55,4%), dass Bloginhalte Einfluss auf die öffentliche Meinung haben und fast ebenso viele (53,8%) behaupten sogar, dass Blogs gesellschaftliche Veränderungen bewirken können. 41,1% widersprechen dem (5,1% enthielten sich).
    Der Grund für diese unterschiedliche Wahrnehmung vermutet Prof. Dr. Ansgar Zerfaß und sein Team darin, dass Blogs je nach Urheber und Profil eine sehr unterschiedliche Wertigkeit haben. Aus Sicht der Befragten sind Fachblogs von Experten und Blogs von Medien/Journalisten wichtige Impulsgeber für neue Ideen, Themen und Meinungen. „Neue Themen entdecken“, „Mir eine Meinung bilden“, „Ansatzpunkte für neue Ideen finden“ – dies erwarten sich 69,3% der Befragten von Fachblogs, 62,7% von journalistischen Blogs und immerhin 56,3% von Medienblogs etablierter Zeitschriften und Sender. „Verblüffend“ finden die Wissenschaftler hingegen „das gute Abschneiden privater Blogs. Nur 12,1% der Blognutzer trauen den dort veröffentlichten Inhalten nicht.“ Sorry, aber bei manchen klickt ´s eben später.
    http://www.blogstudie2007.de/inc/blogstudie2007_ergebnisbericht.pdf

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