Manager und Moral

So, wie es aussieht, steht der deutschen Wirtschaft eine neue Moraldebatte ins Haus. Die Wochenenden benutzen Poltiker gerne, um sich in den Sonntagszeitungen mit markigen Sprüchen zu Wort zu melden, in der Hoffnung, noch am Montag die politische Debatte in Berlin zu bestimmen, wenn dort der parlamentarische Alltag wieder beginnt. An diesem Wochenende (28./29. Oktober) haben, gefragt oder ungefragt, Politiker von Union und SPD die unethische Profitgier einiger deutscher Konzerne kritisiert. Ziemlich scheinheilig, wie ich finde.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck will die 30prozentige Beteiligung des Bundes an der Telekom dazu nutzen, etwas gegen den geplanten massiven Stellenabbau bei den Telekomikern zu unternehmen. Struck in der “Bild am Sonntag”, die ich mir (Ausnahmsweise! Wirklich!) beim Bäcker gekauft habe: “Es ärgert mich, wenn Großkonzerne beste Bilanzen vorlegen und gleichzeitig massenhaft Stellen streichen.” Im Deutschlandfunk ärgerte sich auch einer. Nämlich Nordrhein-Westfalens Nuschelpapst und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers über den Versicherungskonzern Allianz, der seine Verwaltungsstandorte in NRW schließen will, und über die Tragödie beim insolventen Handy-Hersteller BenQ in Kamp-Linfort. Die Mitarbeiter haben vor gut einem Jahr auf fast ein Drittel ihres Lohnes verzichtet und noch fünf Stunden mehr pro Woche ohne Lohnausgleich gearbeitet, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Die Vorstände wollten sich ihre Gehälter zweistellig erhöhen, während Familien in Angst und Schrecken versetzt würden, so Rüttgers. Schleswig-Holsteins Wirtschaftminister Dietrich Austermann fordert in den “Lübecker Nachrichten” ein Fach “Unternehmensethik” in allen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen, und Kartellamtspräsident Ulf Böge fordert auf einer Tagung in Luxemburg, nachzulesen in der “Börsen-Zeitung”, die Wiederentdeckung der Werte Ludwig Erhards: Wer seine Freiheit behalten wolle, müsse damit verantwortlich umgehen.
Uff - das alles an einem einzigen Wochenende! Politiker regen sich auf über den Kapitalismus, der es seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr nötig hat, sich das soziale Mäntelchen überzuziehen. Wie scheinheilig - haben sie doch seit mindestens zwei Jahrzehnten dazu beigetragen, Ludwig Erhard, seine Werte und die soziale Marktwirtschaft in die Tonne zu kloppen. Die Frage lautet: Darf der Staat - und dahinter stecken immer noch unsere gewählten Politiker - den Unternehmen weiterhin ungehemmt Geschenke machen oder muss er sich nicht mehr um die Menschen kümmern, die bald die vielen schönen Produkte der Unternehmer nicht mehr kaufen können, weil sie keine Arbeit mehr haben oder ihre Löhne zusammengestrichen werden? Durften Politiker zulassen, dass Unternehmen unter hemmungsloser Ausplünderung der Sozialkassen abertausende Menschen ins vorzeitige Nichtstun schicken und gleichzeitig scheinheilig über einen Mangel anqualifiziertem Personal jammern? Ist es richtig, dass eine Produktionsverlagerung ins Ausland als Investition beim Fiskus steuermindernd geltend gemacht werden kann - was beim Bürger als staatliche Subventionierung des Exodus von Arbeitsplätzen ankommt? Dürfen wir zulassen, dass die Politik der Wirtschaft jahrelang Geschenke macht, die aber die Gegenleistung in Form von Arbeitsplätzen schuldig bleibt?Man sieht: Die Politiker sind nicht ganz unschuldig an der heutigen Diskussion über die ungehemmte Profitgier der Konzerne. Jahrelang haben sie den Unternehmern Zucker in den Arsch geblasen, in der Hoffnung, die würden investieren und Arbeitsplätze schaffen. Die reden sich auf Globalisierung und internationalen Wettbewerb heraus, streichen Arbeitsplätze, kürzen Löhne und wundern sich, dass die private Konsumnachfrage im Inland nicht anspringen will.Who the fuck is Ludwig Erhard?

Antwort schreiben

Sie müssen als angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.